
Einblick
Musik im Kopf: Warum sie uns bewegt, verbindet und dem Gehirn guttut
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Ein Lieblingssong im Radio, ein Gänsehautmoment im Konzertsaal oder das gemeinsame Singen mit Hunderten anderen Menschen: Musik berührt uns. Sie kann Erinnerungen wachrufen, Emotionen auslösen und uns scheinbar mühelos in Bewegung versetzen. Doch was genau passiert dabei eigentlich im Gehirn?
Mit dieser Frage beschäftigt sich die Konzertreihe »Noten und Neuronen«, die am 19. November im Konzerthaus Dortmund zu Gast ist. Die Veranstaltung verbindet Live-Musik mit aktueller Hirnforschung und geht der Frage nach, wie Musik unser Denken, Fühlen und Erinnern beeinflusst.
Ein Superstimulus für das Gehirn
Für die Neuropsychologin Prof. Dr. Daniela Sammler vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik, wissenschaftliche Beraterin im Team von »Noten und Neuronen«, ist Musik weit mehr als bloße Unterhaltung. Sie bezeichnet sie als einen »Superstimulus«, der nahezu jede Faser unseres Gehirns ansprechen kann. Beim Musikhören werden zunächst die Hörzentren aktiv. Doch dabei bleibt es nicht: Auch Gedächtnisregionen, emotionale Zentren und Bereiche für Aufmerksamkeit und Bewegung können beteiligt sein.
Musik entsteht dabei nicht allein in Noten oder Schallwellen. Erst das Gehirn macht aus akustischen Signalen das, was wir als Musik wahrnehmen. Neben dem Hörkortex kann auch das Belohnungssystem aktiviert werden, das unter anderem die Ausschüttung von Dopamin steuert, einem Botenstoff, der mit Glücksgefühlen, Motivation und Zufriedenheit verbunden ist.
Warum Musik Gefühle auslöst
Spannend ist, dass unsere emotionale Reaktion auf Musik zu einem großen Teil von Erwartungen geprägt wird. Während wir hören, versucht das Gehirn ständig vorherzusagen, wie sich Melodien und Rhythmen entwickeln werden. Werden diese Erwartungen erfüllt oder geschickt gebrochen, entsteht emotionale Spannung. Genau dieses Wechselspiel aus Vertrautem und Unerwartetem macht Musik für viele Menschen so reizvoll.
Trifft ein Musikstück den persönlichen »Sweet Spot« zwischen Vorhersehbarkeit und Überraschung, springt das Belohnungssystem an. Dann wird Dopamin ausgeschüttet und wir empfinden Freude, Zufriedenheit und bekommen manchmal sogar Gänsehaut.

Musik löst Gefühle aus.
© Bild wurde mit KI erstellt
Der Soundtrack unserer Erinnerungen
Fast jeder kennt das Phänomen: Ein bestimmtes Lied erklingt, und plötzlich sind längst vergangene Momente wieder präsent. Musik kann Erinnerungen besonders wirkungsvoll hervorrufen, weil Gedächtnis und Emotionen eng miteinander verknüpft sind. Gefühle können Erinnerungen aktivieren, und Musik wiederum ist ein starker Auslöser von Gefühlen.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich dieser Zusammenhang bei Menschen mit Demenz. Während andere Gedächtnisleistungen bereits eingeschränkt sein können, bleiben musikalische Erinnerungen oft erstaunlich lange erhalten. Musik kann dann wie ein Schlüssel wirken und Erinnerungen aus früheren Lebensabschnitten wieder zugänglich machen.
Aktives Musizieren als Gehirntraining
Noch stärker als das bloße Zuhören fordert das aktive Musizieren das Gehirn heraus. Wer singt oder ein Instrument spielt, muss hören, planen, Bewegungen steuern, Erinnerungen abrufen und Fehler unmittelbar korrigieren. Hör- und Bewegungszentren arbeiten dabei in einem komplexen Zusammenspiel zusammen.
Studien mit professionellen Musikerinnen und Musikern zeigen, dass sich diese intensive Beanspruchung langfristig im Gehirn widerspiegeln kann. Bestimmte Hirnregionen, etwa für Feinmotorik und akustische Wahrnehmung, sind häufig besonders ausgeprägt. Auch die Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften kann stärker entwickelt sein. Forschende sehen darin ein Beispiel für die sogenannte Neuroplastizität – die Fähigkeit des Gehirns, sich durch Erfahrung und Training zu verändern.

Aktives Musizieren fordert das Gehirn heraus.
© Felix Heyder
Musik verbindet Menschen
Die Wirkung von Musik endet nicht beim Individuum. Sie hat auch eine starke soziale Dimension. Beim gemeinsamen Musizieren, Singen oder Tanzen entsteht ein Gefühl von Verbindung und Gemeinschaft. Forschende beobachten dabei sogar biologische Synchronisationsprozesse: Atem, Herzschlag und teilweise auch Hirnaktivitäten können sich aneinander angleichen. Neben Dopamin kann dabei auch Oxytocin ausgeschüttet werden, ein Botenstoff, der Vertrauen und soziale Nähe fördert. Musik wird so zu einem sozialen Band zwischen Menschen.
Gerade dieser Aspekt ist für die Gehirngesundheit interessant. Denn soziale Isolation und Bewegungsmangel gelten als Risikofaktoren für Demenz. Musik kann hier gleich mehrere gesundheitsfördernde Faktoren miteinander verbinden: geistige Aktivität, soziale Begegnungen und körperliche Bewegung.

Teilnehmende bei der Veranstaltung »Singender Saal« im Konzerthaus Dortmund
© Oliver Hitzegrad
Kann Musik das Gehirn gesund halten?
Eine Garantie gegen Erkrankungen ist Musik nicht. Doch viele Forschende sind überzeugt, dass sie ein wertvoller Baustein für geistige Fitness und emotionales Wohlbefinden sein kann. Musik fordert Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Bewegung und Emotionen gleichzeitig heraus und aktiviert damit unterschiedliche neuronale Netzwerke. Hinzu kommen die positiven Effekte gemeinsamer Aktivitäten und sozialer Kontakte.
»Musik ist nicht nur gut fürs Gemüt, sie ist auch gut für unser Gehirn«, sagt Prof. Dr. Joachim Schultze, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen. Je vielfältiger das Gehirn angeregt werde, desto eher könnten neue Vernetzungen zwischen Nervenzellen und sogenannte kognitive Reserven entstehen.
Wissenschaft zum Hören und Erleben
Genau diese Zusammenhänge macht »Noten und Neuronen« erlebbar. In Dortmund treffen die Singer-Songwriterin Wallis Bird, die Klassik-Band Spark sowie ein rund 200-köpfiger Klangkörper aus Chor und Orchester auf aktuelle Erkenntnisse der Neurowissenschaft. Zwischen den musikalischen Programmpunkten geben Forschende Einblicke in die Arbeit des Gehirns, sprechen über Emotionen, Erinnerungen und die soziale Kraft von Musik. Ein mobiler Hirnscanner und wissenschaftliche Experimente mit dem Publikum machen Forschung dabei unmittelbar erfahrbar.
Vielleicht liegt darin die schönste Erkenntnis des Abends: Musik begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden. Heute beginnt die Wissenschaft immer besser zu verstehen, warum. Nicht nur unsere Ohren hören Musik. Unser ganzes Gehirn macht mit.

Live-Acts am Abend: Wallis Bird und Spark – Die klassische Band
© Gregor Hohenberg
Text:
Teresa Saxe
Social Media Redakteurin

Noten und Neuronen – Musik für die Gehirngesundheit
Mit Singer-Songwriterin Wallis Bird und der Klassik-Band Spark

