
Verstimmt. Aber ganz legal.
Es war in meiner ersten Spielzeit am Konzerthaus Dortmund, als der Kollege aus dem Künstlerischen Bereich mit dieser Frage bei uns im Büro stand. Erste Reaktion: verwirrte Gesichter.
»Haben wir hier
© privat
Einblick

Carolin Widmann
© Lennard Rühle
Also der Reihe nach: Im Saal probten die beiden »Jungen Wilden« Martin Fröst und Antti Siirala gemeinsam mit Carolin Widmann und Christian Poltéra Béla Bartóks »Kontraste«. Und für dieses Werk benötigt man eine zweite Geige – nicht eine zweite Person mit einer Geige, wohl aber das Instrument. Denn im dritten Satz sind die Saiten der Geige auf die Töne Gis-D-A-Es gestimmt, statt wie üblich G-D-A-E. Da es nicht möglich ist, in der Kürze der Zeit die Geige umzustimmen, benutzen Geigerinnen und Geiger für dieses Stück in der Regel ein zweites Instrument, das in der richtigen Stimmung bereitliegt.
Nun also zurück zur Frage des Kollegen: Da ich zu dieser Zeit zufälligerweise direkt um die Ecke wohnte und eine Geige besaß, war die Antwort überraschenderweise: »Ja.« Also ging ich schnell nach Hause, holte meine Geige und übergab sie Carolin Widmann.
Nur ein Jahr später standen Bartóks »Kontraste« erneut auf dem Programm: diesmal mit Janine Jansen in einem choreografierten Abend mit zwei Tänzern. Gleiche Ausgangssituation, leicht veränderte Frage:
»Können wir wieder deine Geige ausleihen?«

Janine Jansen
© Una Burnan
So auch 2011 als der »Junge Wilde« Pekka Kuusisto das Stück ebenfalls programmierte. Inzwischen schien meine Geige ein erstaunliches Talent dafür entwickelt zu haben, immer wieder bei besonderen Gelegenheiten zum Einsatz zu kommen. Dabei ist sie zwar ein Familienerbstück, auf dem schon mein Großvater spielte und eine respektable Laiengeige, aber sicherlich sonst kein Instrument für Weltklasse-Solistinnen und -Solisten.
Bartóks »Kontraste« kannte meine Geige inzwischen gut, aber es gibt weitere Stücke, die eine Skordatur – also eine andere Stimmung der Saiten als die sonst üblichen reinen Quinten – erfordern. Schon lange bevor Bartók für seine »Kontraste« eine zweite, umgestimmte Geige verlangte, experimentierte Heinrich Ignaz Franz Biber mit alternativen Stimmungen. Seine »Rosenkranzsonaten« gelten bis heute als das berühmteste Beispiel für den kreativen Einsatz der Skordatur. Fast jede Sonate verlangt eine andere Stimmung der Saiten.

Pekka Kuusisto
© Bard Gundersen
Und auch György Kurtágs »Kafka-Fragmente« erfordern eine umgestimmte Geige: Hier dient die Skordatur weniger spektakulären Effekten als einer Erweiterung des Ausdrucks- und Klangspektrums. 2017 stand dieses Werk bei Patricia Kopatchinskaja und Sopranistin Anna Maria Pammer auf dem Programm und inzwischen war es fast schon Routine, meine Geige hierfür zu erbitten.

Die »verstimmte« Geige und das Programmheft mit Widmung von Patricia Kopatchinskaja.
© Katharina Dröge | KHD
Ian Schneider (16), Finalist bei The Voice Kids, wechselte vom Konzertsaal ins TV_Studio
Ian Schneider schaut in den Zuschauerraum. Vor sich hunderte leere Plätze, hinter sich die Chorempore. Der 16-Jährige steht nicht zum ersten Mal auf der Bühne des Konzerthaus Dortmund. Schon als Kind hat er mit der Chorakademie in dem Saal gesungen, war später Solist im Jugendkonzertchor. Er weiß, wie es ist, wenn die mehr als 1550 Sitze bis auf den letzten Platz gefüllt sind. An diesem Tag aber hat der Finalist von The Voice Kids 2025 den Saal ganz für sich – für den Dortmunder Schüler etwas Besonderes:
»Das Konzerthaus ist ein Herzensort für mich. Hier hatte ich meinen ersten großen Auftritt.«
Von Patricia Kopatchinskaja bekam ich meine Geige schließlich mit einer Widmung im Programmheft zurück: Sie sei »etwas verstimmt« worden, aber »ganz legal«, und schwinge nun wieder in reinen Quinten. Darin steckt viel von dem, was diese kleine Geschichte erzählt. Eine Geige muss nicht berühmt sein, um Teil großer Musik zu werden. Manchmal genügt es, wenn sie bereit ist, sich für einen Moment verstimmen zu lassen.

Patricia Kopatchinskaja
© Marco Borggreve
Text:
Katharina Dröge
Redakteurin

