
»Das Wichtigste an unserem Beruf ist es, authentisch zu bleiben.«
Marie Jacquot, neue Chefdirigentin des WDR Sinfonieorchester
© Julia Wesely
Im Gespräch
Die Geschichte hinter den Noten
Eigentlich wollte Marie Jacquot Posaunistin werden. Und auch einmal Tennisprofi. Heute steht die gebürtige Pariserin an den Dirigierpulten der Welt. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Chefdirigentin des Royal Danish Theatre Copenhagen international einen Namen gemacht – auf Opernbühnen und in Konzertsälen. Mit der neuen Spielzeit wird sie Chefdirigentin des WDR Sinfonieorchesters. Im Interview spricht sie über ihre wiederentdeckte Liebe zu Wagner, den langen Weg zu einem gemeinsamen Orchesterklang und warum ihr der Beruf immer wieder auch Rätsel aufgibt.
Sie haben zunächst Posaune studiert und sich später dem Dirigieren zugewandt. Was war der Grund für diese Entscheidung?
Es war nicht wirklich eine Entscheidung. Ich habe mit dem Dirigieren angefangen, da war ich 14 Jahre alt. Dirigieren – das ist vielleicht ein zu großes Wort dafür. Aber ich habe begonnen, mich damit zu beschäftigen. Und nach einigen Jahren meinte mein Lehrer, Posaunist Roberto Gatto, ich sollte vielleicht in Wien an der Universität für Musik und Darstellende Künste studieren und es richtig lernen. Zu der Zeit absolvierte ich noch mein Posaunenstudium in Frankreich. Eigentlich wollte ich Posaunistin werden.
Und auf Vorschlag Ihres Lehrers gingen Sie dann nach Wien…
Ja. In Wien bestand ich die Aufnahmeprüfung für Posaune allerdings nicht – das französische Posaunespielen und das österreichische sind so verschieden, wie französisches und österreichisches Essen (Sie lacht). Aber für den Studiengang Dirigieren wurde ich aufgenommen – und so bin ich Dirigentin geworden. Es war also nicht in meiner DNA. Es war einfach Fügung. Und es war gut für mich. Ich hatte schon damals durch intensiven Sport eine gute Beziehung zu meinem Körper und am Dirigieren mochte ich natürlich die Musik, zusätzlich aber auch die Bewegungen.

Marie Jacquot
© Julia Wesely
Dieser intensive Sport war Tennis, Sie waren bei den Jugend French Open. Was konnten Sie aus dieser Zeit für Ihren heutigen Beruf mitnehmen?
Ich habe vom Leistungssport viel gelernt. Zum Beispiel, dass Entwicklungen Schritt für Schritt passieren, mal in großen Schritten, mal in vielen kleinen. Und gerade diese Schritte sieht man nicht sofort, sondern manchmal erst nach Jahren. Ich weiß, wie ich meine Zeit effizient nutze und eben auf meinen Körper höre. Und ich habe gelernt, bei mir selbst zu bleiben, nicht so viel nach links und rechts zu schauen.
Mittlerweile sind Sie seit zehn Jahren Dirigentin. Und sie haben einmal gesagt, je länger Sie diesen Beruf ausüben würden, desto weniger wüssten Sie darüber…

Ja, weil es so viele Möglichkeiten gibt, Dirigent oder Dirigentin zu sein, wie Menschen auf der Erde leben.
Natürlich gibt es das Handwerk. Und die Musik, die Noten, den Rhythmus. All das kann man lernen. Aber das ist nicht das Wichtigste. Wie man 100 Menschen im Orchester für sich gewinnt – das ist entscheidend und oft ein Rätsel. Dieses Rätsel ist jedes Mal anders.
»Wir arbeiten immer wieder mit anderen Orchestern und haben andere Menschen vor uns.
© Julia Wesely
Haben Sie denn eine bestimmte Herangehensweise, wenn Sie auf ein neues Orchester treffen?
Da gibt es kein Rezept. Das Wichtigste an unserem Beruf ist, glaube ich, authentisch zu bleiben und zu hoffen, dass diese Authentizität rüberkommt und das Orchester sich davon inspirieren lässt.
Sie sind neue Chefdirigentin des WDR Sinfonieorchesters. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit bisher?
Das ist eine gute Frage. Ich glaube, wir müssen uns weiterhin kennenlernen. Wir haben bisher drei, vier gemeinsame Projekte gestaltet. Und ich habe begonnen zu spüren, wo die enormen Stärken liegen. Es sind unglaublich fantastische Musikerinnen und Musiker, die mit Musik eine Geschichte erzählen können und auch risikofreudig sind. Gleichzeitig ist es ein Radioorchester, das getrieben ist, Perfektion zu erlangen.
Ian Schneider (16), Finalist bei The Voice Kids, wechselte vom Konzertsaal ins TV_Studio
Was möchten Sie erreichen, wie soll das WDR Sinfonieorchester mit Marie Jacquot am Pult klingen?
Um zu wissen, welches »Markenzeichen« für Marie Jacquot und das WDR Sinfonieorchester steht, dafür braucht es noch Zeit. Aber das ist ja das Schöne daran, Chefdirigentin zu sein. Man kann eine langfristige Kollaboration aufbauen, man lernt sich menschlich und musikalisch kennen und kann viel intensiver und tiefer zusammenarbeiten – und irgendwann geht es dann nur noch um die Musik.

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Bei Ihrem Konzert in Dortmund ist es unter anderem Wagners Musik, die erklingen wird – die Ouvertüre aus »Tannhäuser«. Was fasziniert Sie an diesem Werk?
Als Französin kann man Wagner lieben oder hassen. Als ich jünger war, habe ich Wagner wirklich geliebt. Ich habe damals alle Wagner-Opern gedruckt und binden lassen. Dann habe ich in Wien viele Wagner-Opern gesehen und bin irgendwie nie in diesen Rausch gekommen. Zu lang. Zu langweilig. Vor drei Jahren hat Wagner dann irgendwie ins Programm gepasst und ich habe »Tristan und Isolde« dirigiert. Mit dem WDR Sinfonieorchester. Und da habe ich diese Flamme in mir wiederentdeckt. Es gibt eine Videoaufzeichnung davon und man sieht, wie glücklich ich bin. Stück für Stück baue ich meine Liebe zu Wagner wieder auf – auch mit der »Tannhäuser«-Ouvertüre. Für mich ist bei diesem Werk faszinierend, dass der Gesang quasi das zentrale Element einer Lebensreise ist. Diese Idee steckt auch hinter dem gesamten Programm, das wir in Dortmund spielen.
Auf dem steht auch Camille Saint-Saëns »Orgelsinfonie«...
Die »Orgelsinfonie« passt in ihrer musikalischen Sprache einfach sehr gut dazu. Auch wenn Saint-Saëns ein französischer Komponist war: Er hat Wagner sehr geschätzt und das ist in diesem Werk zu hören. Mich führt das zurück zum Gesang als Symbol für eine Lebensreise und die damit verbundene Spiritualität. Dieser zweite, langsame Satz, der wie aus der Zeit gefallen scheint, ist für mich eine Verbindung mit etwas Größerem. Ich denke dabei oft an alle Menschen, die mir sehr wichtig waren, aber nicht mehr da sind.
Wo sehen Sie besondere Herausforderungen für das Orchester bei diesem Programm?
In der Flexibilität. Es sind verschiedene Genres, auch wenn eine symbolische Idee dieses Programm verbindet. Selbst wenn sich die »Orgelsinfonie« an der deutschen Romantik orientiert, die Orchestrierung ist französisch. Der erste Satz ist sehr virtuos und das ist wirklich herausfordernd für das Zusammenspiel der Musikerinnen und Musiker. Und der zweite Satz ist wie ein Gebet. Diese besondere Farbe zu finden, ist nicht ohne.
»Wagner hingegen ist quasi in der DNA des Orchesters, die deutsche Romantik ist ihre eigene Sprache«
Das heißt, Werke von Wagner bzw. aus der deutschen Romantik werden auch in ihrer Zeit als Chefdirigentin eine zentrale Rolle spielen?
Mir ist es wichtig, diese DNA nicht zu verlieren und auch weiter zu festigen. Darum möchte ich das mit dem Orchester weiterverfolgen. Ich bin eine Person, die sehr gerne mit Traditionen arbeitet. Tradition ist wichtig. Wie Gustav Mahler einmal sagte: Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.

Marie Jacquot
© Julia Wesely
Wann ist für Sie ein Konzertabend gelungen?
Für mich ist es ein gelungenes Programm, wenn es das Publikum erreicht. Wenn die Menschen mit Freude zuhören, sich in der Pause austauschen, sich auch überraschen lassen und eine Geschichte mit nach Hause nehmen. Ich glaube, mein musikalischer Motor ist es, eine Erzählung mitzugeben. Das ist natürlich bei einer Oper leichter, die auch mit Worten erzählt. Dafür kann Musik allein etwas beschreiben, was Worte vielleicht nicht vermitteln können. Und mir liegt es wirklich am Herzen, diese Erzählung zu finden. Erstmal für mich selbst, fürs Orchester und dann auch für das Publikum. Ob es dieselbe Erzählung ist, die ankommt, ist dabei nicht wichtig.
»Es geht um ein Erlebnis, um das Empfinden. Und das kann bei jedem anders sein.«
Text:
Corinna Ludwig
Pressesprecherin

Happy Hour – Klassik um Sieben
Das WDR Sinfonieorchester und Iveta Apkalna spielen Saint-Saëns

