
Der Klang-Botschafter
Ein Interview mit Dirigent und Pianist Timothy Long
Im Gespräch
Der Klang-Botschafter
Ein Interview mit Dirigent und Pianist Timothy Long
Klassische Musik prägte das Leben von Timothy Long schon früh. Beethoven war der Soundtrack seiner Kindheit. Seine indigene Identität spielte in der musikalischen Karriere des Pianisten und Dirigenten lange Zeit keine ausschlaggebende Rolle. Erst spät fügten sich beide Welten zusammen. Im Interview spricht Timothy Long darüber, wie Musik Identität prägen kann, welche Oper sein Leben veränderte und wie er heute indigenen Stimmen auf den Konzertbühnen mehr Raum geben möchte.
Schon als kleines Kind haben Sie Beethoven gehört. Wie kam es zu dieser frühen Begegnung mit klassischer Musik?
Das habe ich meiner Mutter zu verdanken. Da muss ich etwas weiter zurückgehen, denn selbst in Amerika wissen die Menschen sehr wenig über die indigenen Völker. Es gibt gewissermaßen eine kollektive Verdrängung dessen, wer wir sind und welche Rolle wir in der Geschichte spielen. So wuchs meine Mutter in einem Internat für indigene Kinder auf. Dort war es den Kindern verboten, ihre Sprache zu sprechen oder ihre Traditionen auszuüben. Sie erkrankte an Tuberkulose und wurde in ein staatliches Tuberkulose-Sanatorium für indigene Menschen gebracht. Sie verbrachte insgesamt fünf Jahre in Quarantäne. Damals hörten alle dort Countrymusik. Aber sie wurde dieser Musik überdrüssig und fand einen klassischen Radiosender und entdeckte Beethoven für sich. Seine Musik berührte sie tief.
Was hat diese Musik in Ihnen ausgelöst oder bewirkt?
Ich entwickelte eine Obsession für Klang, schon in jungen Jahren war ich wie berauscht von Musik. Musik öffnete etwas in mir. Hinzu kommt: Ich habe eine sehr ausgeprägte Synästhesie (ein neurologisches Phänomen, bei dem verschiedene Sinne unwillkürlich miteinander verknüpft werden; Anmerkung der Redaktion). Ich nehme visuelle Eindrücke als Klänge wahr.
Wie hat sich das bei Ihnen gezeigt?
Ich glaube, für Außenstehende sah es so aus, als wäre ich ein sehr stiller Junge. Ich spielte allein in meinem Zimmer, stellte meine Spielzeugautos vor mich hin und betrachtete sie stundenlang. Aber ich hörte sie. Ich ordnete sie immer wieder neu an. Nach Farbe, Material, Form. All das hatte für mich einen bestimmten Klangcharakter. Ich kann diese Klänge noch heute hören. Als ich älter wurde, spielte ich zunächst ständig Klavier. Dann Saxofon. Danach Flöte, Horn, Klarinette und Oboe. Ich war immer gut darin, mir Instrumente selbst beizubringen. Später studierte ich Musik. Und der Schlüssel zu all dem waren Beethoven – und meine Mutter.
»Ich entwickelte eine Obsession für Klang.«

Timothy Long
© Jill Steinberg
Sie sind mit der Muscogee Nation und der Choctaw-Kultur verbunden. Wann haben Sie gespürt, dass diese Herkunft auch als Musiker ein wichtiger Teil Ihrer Identität ist?
Ich wuchs umgeben von meinem Stamm auf. So wie Sie mit Ihrer Familie aufwachsen und gar nicht groß darüber nachdenken. Dort, wo ich groß wurde, war die Bevölkerung gemischt aus indigenen Menschen und Weißen. Das Zusammenleben war unkompliziert und friedlich. Ich wusste also, dass ich Muscogee war. Ich nahm an Muscogee-Veranstaltungen teil, besuchte die Muscogee-Kirche, und mein Vater sprach ständig Muscogee. Mein Leben war lange Zeit in zwei Bereiche aufgeteilt: Hier war meine klassische Musikkarriere und dort meine kulturelle Identität. Diese beiden Welten berührten sich überhaupt nicht. Das änderte sich erst in den letzten zehn Jahren.
Was war der ausschlaggebende Punkt für diese Entwicklung?
Ich wurde eingeladen, die Oper »Missing« in Kanada zu dirigieren. Sie handelt von den mehr als 5.000 vermissten und ermordeten indigenen Frauen in Kanada. Das war für mich von enormer Bedeutung.
Wie haben Sie die Aufführungen dieser Oper erlebt?
Das Werk ist zutiefst bewegend. Vor jeder öffentlichen Aufführung gaben wir private Vorstellungen für die Familien der Opfer. Und das war erschütternd. Schon in der ersten Minute hörte man Menschen weinen. Nach den Aufführungen führten wir Gespräche mit dem Publikum. Diese Menschen sahen aus wie ich. Sie sahen aus wie meine Familie. Und sie hatten keine Stimme. Damals wurde mir bewusst, wie privilegiert ich trotz meiner Herkunft und aller Schwierigkeiten am Anfang geworden war. Ich spürte plötzlich eine Verantwortung. Ich hatte eine Stimme. Und ich wusste, dass diese Stimme dazu genutzt werden musste, über indigene Menschen zu sprechen und andere dazu zu bringen, über uns nachzudenken. Mir wurde bewusst, wie privilegiert ich trotz meiner Herkunft geworden war.

»Ich spürte plötzlich eine Verantwortung. Ich hatte eine Stimme.«
Timothy Long, Dirigent
© Roberto Lagares
Mit Ihrem Projekt »North American Indigenous Songbook« geben Sie indigenen Künstlerinnen und Künstlern eine Stimme, die lange Zeit nicht gehört wurde.
Es gibt so viele großartige Werke, zu denen die Öffentlichkeit bisher kaum Zugang hatte. Das Projekt schafft Möglichkeiten für indigene Künstlerinnen und Künstler. Gleichzeitig eröffnet es nicht-indigenen Menschen eine völlig neue musikalische Welt.
Gibt es ein bestimmtes Werk aus dem Songbook, das Sie persönlich besonders bewegt?
Da muss ich an zwei Komponisten der Diné, aus der Navajo-Nation denken: Raven Chacon und Connor Chee. Beide haben unabhängig voneinander Werke über etwas geschrieben, das «Tádídíín Bizaad« genannt wird – den Weg des Maispollens in der Navajo-Kultur. Maispollen werden bei Gebeten und Segnungen verwendet. Sie helfen dabei, Dinge klarer zu sehen und den richtigen Weg zu finden. Ihre Stücke sind außergewöhnlich. Ravens Werk wird vollständig in der Navajo-Sprache gesungen. Connors Stück wechselt zwischen Navajo und Englisch. Während Connors Musik sehr lyrisch ist, ist Ravens Komposition eher avantgardistisch.
Timothy Long
© Roberto Lagares
Gibt es in den Konzerten denn auch Übersetzungen für das Publikum?
Ja, wir stellen Übersetzungen zur Verfügung und ich erläutere die Stücke etwas. Aber: Man muss nicht jedes einzelne Wort verstehen, damit eine Botschaft ankommt. Wir nehmen Tonhöhen wahr, wir nehmen Rhythmen wahr. Aber wir nehmen auch die Wiederholung von Konsonanten, die Klangfarbe von Vokalen und die Sprachmelodie wahr. Das geschieht auf einer unterbewussten Ebene. Deshalb führe ich die Zuhörerinnen und Zuhörer zwar in die Stücke ein, aber danach lasse ich sie die Botschaft über den Klang, den Rhythmus und die musikalische Zeit erfahren.
Wenn Menschen die Musik des »North American Indigenous Songbook« zum ersten Mal hören, was hoffen Sie, dass sie dabei erleben oder neu entdecken?
Ich hoffe zunächst einmal, dass sie uns entdecken. Zumindest ein wenig. Ich weiß nicht, wie die Situation in Deutschland ist, aber in Amerika gibt es eine starke Tendenz, indigene Menschen auszublenden. Und wenn sie an uns denken, geschieht das häufig in romantisierten Bildern. Deshalb teile ich in meinen Konzerten gern Wissen und Erfahrungen.
»Ich möchte, dass die Menschen uns kennenlernen, sich mit uns solidarisieren, den Kontakt zu uns suchen und Beziehungen zu uns aufbauen.«
Auf der einen Seite Beethoven und das »North American Indigenous Songbook auf der anderen: Was können diese unterschiedlichen musikalischen Welten voneinander lernen?
Ich denke: alles. Das Überraschende an meinem eigenen Leben ist, dass ich als kleiner Junge indigener Herkunft durch Beethoven zu dem Menschen geworden bin, der ich heute bin. Das ist ein perfektes Beispiel dafür, wie man von einer anderen Kultur lernen und dadurch die eigene Identität stärken kann. Letztlich hat mich westliche europäische Musik zu einer Möglichkeit geführt, mein eigenes Volk zu repräsentieren. Für mich schließt sich damit ein Kreis.

Timothy Long
© Rich Paprocki
Text:
Corinna Ludwig
Pressesprecherin

North American Indigenous Songbook
Musik der indigenen Bevölkerung Amerikas

