
Menschen
In der Spur
Wenn es darum geht, das Besondere ihrer Kunst zu beschreiben, greifen Sängerinnen oder Sänger oft zu Vergleichen. Mit Hochleistungssport oder Malerei zum Beispiel. Erika Baikoff denkt noch an etwas anderes.
Singen sei wie Motorradfahren, meint Erika Baikoff. »Da gibt es so viele Dinge, an die man gleichzeitig denken muss. Aber das Wichtigste ist, bei allen Fahrmanövern die Balance zu halten. Und gleichzeitig Spaß dabei zu haben.« Den hat die russisch-amerikanische Sopranistin auf jeden Fall, in allem, was sie tut. Die Presse lobt ihre helle, gut fokussierte Stimme, das Expressive und die Präsenz, die ihre »engelsgleich berührende Kunst« ausmachen – so formuliert es die Internetseite »Bachtrack«.
Aufgewachsen ist Erika Baikoff im New York der 1990er-Jahre. Später besucht sie Opernstudios für junge Talente und nimmt an Förderprogrammen teil, unter anderem an der Oper Lyon und an der Metropolitan Opera. An der MET betreut sie vor allem der Pianist Ken Noda, den sie noch heute als ihren Mentor und Freund bezeichnet. »Ich verdanke ihm so viel, seine Führung während meiner Zeit als junge Künstlerin und seine unerschütterliche Unterstützung meiner künstlerischen Träume.« Nach einem Bachelor in Französisch an der Princeton University erhält sie 2018 ihren Master von der Guildhall School of Music and Drama in London. 2019 ist dann ein Jahr, in dem der Motor von Erika Baikoffs Karriere noch einmal voll aufdreht. Gleich zwei bedeutende Wettbewerbe gewinnt sie, den »Internationalen Helmut Deutsch-Liederwettbewerb« und den zehnten »Internationalen Gesangs- und Klavierwettbewerb Nadia und Lili Boulanger«.
Kopflos nach vorn zu preschen ist allerdings Erika Baikoffs Sache nicht. Ihre Arbeit auf der Opern- und Konzertbühne muss im Gleichgewicht sein mit allen anderen Aktivitäten. Zum persönlichen Ausgleich trägt vor allem auch Sport bei. Auf Instagram sieht man sie beim Joggen, Reiten, beim Workout im Fitnessstudio, bei einer Kraxeltour auf den Watzmann und beim Halbmarathon in München. Die Regie verlangt den Darstellerinnen und Darstellern auf der Bühne heute eine Menge ab. Andere Strapazen wie das unentwegte Reisen sind da noch nicht berücksichtigt. »Da muss der Körper fit sein, besonders das Herz. Um mit Phrasierungen umzugehen, die schön und gleichzeitig lang sind, während man in Stöckelschuhen herumlaufen muss.« Hat es je eine Sopranistin gegeben, die besser in Form gewesen ist als Erika Baikoff? Das ist schwerlich denkbar.
»Bewegung ist der einzige Weg, einen ruhigen Ort in meinem Gehirn zu finden.«
Auch den Jakobsweg nach Santiago de Compostela hat sie schon bewältigt. Für sie hat er weniger religiöse Läuterung gebracht als wichtige Erkenntnisse: »Kommunikation ist immer möglich, trotz aller Sprachbarrieren. Es gibt Hoffnung, was die Menschlichkeit betrifft. Und: Es ist wichtig, die stillen Momente zu umarmen, wenn sie kommen.« Was macht für sie das Bild einer Bühnenkünstlerin richtig rund? Respekt ist es. »Nicht nur vor der Musik. Es erfordert auch Respekt und Neugier, was Geschichte, Kultur, Tradition, bildende Kunst, Psychologie, Literatur und vor allem die Kolleginnen und Kollegen betrifft, mit denen wir arbeiten. Und das Publikum.«

Erika Baikoff
© Dario Acosta
Für Erika Baikoff ist es noch die Zeit der Rollendebüts und der persönlichen Premieren. Wer sie live erleben will, muss vor allem nach München reisen. An der Bayerischen Staatsoper gehört sie seit der Spielzeit 2024/25 zum festen Ensemble. Seit letztem Jahr ist sie auch in das BBC-Förderprogramm der »New Generation Artists« eingebunden. Der USA-Schwerpunkt des Konzerthaus Dortmund ist nun der Anlass, sie für ein Recital auch nach Dortmund einzuladen. Gemeinsam mit Klavierpartner Roman Borisov schlägt die passionierte Liedsängerin den Bogen von Musicals und Evergreens über Leichtfüßiges wie frühe Korngold-Lieder bis hin zu Klassikern wie den »Liedern eines Eremiten« von Samuel Barber. Mit dem Programm möchte sie »den Reichtum, die Verschiedenheit und die sich ewig weiterentwickelnde Stimme des amerikanischen Kunstliedes« feiern. Ein Abend, der klug arrangiert und inhaltlich ausgewogen ist. Womit wir wieder bei der Balance sind, die Erika Baikoff in ihrem Leben so am Herzen liegt. Wichtig dabei: nichts überstürzen! »Ich habe bald herausgefunden, dass schnell zu sein der einfachere Teil ist«, sagt sie über das Motorradfahren.
»Es geht darum, zu kontrollieren und zu reagieren, wenn Dinge schiefgehen, auf die man keinen Einfluss hat. Eben ganz wie beim Singen mit guter Technik.«
Text:
Markus Bruderreck
Gastautor

Liederabend Erika Baikoff – Classical American Songbook
Lieder großer amerikanischer Komponistinnen und Komponisten

