Menschen

Ein Vollblutmusiker

Studierter Kontrabassist. Pianist. Dirigent. Drei Berufsfelder in einem. Dabei hat er gerade erst die Mitte dreißig überschritten. Ein Überflieger? Bis zum Sommer war er Chef beim Rotterdam Philharmonic, seit sechs Jahren leitet er die Geschicke des Israel Philharmonic Orchestra. Und jetzt ist Lahav Shani auch Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.

»Die Zeit geht sehr schnell.« Klingt lapidar, was Lahav Shani da behauptet. Manchmal, so gibt er zu, zwickt er sich selbst bei der Frage, wie er das alles schaffe. Mit 18 Jahren hat Shani den Solopart in Tschaikowskys Erstem Klavierkonzert unter Zubin Mehta gespielt. Er hätte also auch Pianist werden können. Doch dann sorgt Shani 2013 für Aufmerksamkeit, als er den Ersten Preis beim Dirigierwettbewerb »The Mahler Competition« der Bamberger Symphoniker gewinnt. Was also tun? Spielen, dirigieren – oder beides? Shani fragt um Rat bei einem, der es wissen muss: Daniel Barenboim. »Und er sagte: ›Machen Sie es nicht.‹ Ich frage: ›Wirklich?‹ Und er sagte: ›Nur, falls Sie das wirklich müssen. Dann machen Sie es.‹« An diesen Rat hat sich Shani gehalten, bis heute. Zwar begegnet man ihm in der Doppelrolle durchaus in einigen Konzerten, wenn er vom Klavier aus dirigiert, doch Solo-Abende sind rar, »alle zwei Jahre oder so ein Programm«. Der Pianist Rudolf Buchbinder hat es einmal auf den Punkt gebracht:

»Shani ist ein Vollblutmusiker.«
Smiling man in a dark suit sitting backward on a chair, looking directly at the viewer.

Lahav Shani

© Co Merz

Lahav Shani, der bis 2025 als Exklusivkünstler das Publikum im Konzerthaus Dortmund begeistert hat, zählt zu einer Reihe von jungen, früh hochdekorierten Dirigenten wie Tarmo Peltokoski oder Klaus Mäkelä, der demnächst in Amsterdam und Chicago den Takt vorgibt. Die Zeiten, in denen ältere Herren mit silbrigem Haar vor ein Orchester getreten sind und eine Maestro-Aura verbreitet haben, sind vorbei. »Wir Musikerinnen und Musiker haben doch eine gemeinsame Sprache«, meinte Shani dazu vor ein paar Jahren in einem Interview, »und wenn man die versteht, warum sollte man zu jung sein?« Wichtig sei, dass man sich bei den jeweiligen Orchestern willkommen fühle. Dafür sei vor allem eine gewissenhafte Vorbereitung hilfreich. Die Chemie müsse eben stimmen, egal wie prominent der Name eines Orchesters auch ist.

»Was wollen wir voneinander? Wie gehen wir miteinander um? Wie ist der Humor? Haben wir die gleichen musikalischen Ziele?«

Unfreiwillig in die Schlagzeilen gerät Shani vor rund einem Jahr, als er beim belgischen »Flanders Festival Gent« auftreten soll – und plötzlich wieder ausgeladen wird. Als Chef des Israel Philharmonic Orchestra sei er nicht in der Lage, dem Gebaren der israelischen Politik entsprechend kritisch gegenüberzutreten. Wirklich? Die Reaktionen im In- und Ausland jedenfalls sind schnell und scharf. Sogar der deutsche Kulturstaatsminister protestiert auf allen diplomatischen Wegen, auch der belgische Ministerpräsident springt dem Gescholtenen bei. Seine nächsten Konzerte werden von demonstrativen Solidaritätsbekundungen begleitet. Hatte sich Shani etwa nicht klar, vor allem nicht laut genug positioniert? Offenbar ist es heutzutage auch in der Klassik zunehmend schwierig, sich so zu äußern, dass nicht irgendwer auf die Idee kommt, das Gesagte ideologisch auszuschlachten. Entsprechend vorsichtig gibt Shani in einer Stellungnahme zu erkennen, er sei »unfreiwillig in einen unerwarteten öffentlichen Sturm hineingezogen worden«. Der Dirigent hat das (nicht zuletzt mediale) Gewitter schadlos überstanden. Er dürfte froh sein, sich nun wieder aufs rein Musikalische konzentrieren zu können.

A continuous line art drawing depicting an orchestra conductor leading with a baton and a violinist playing.

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A smiling man with dark hair and a beard, wearing a black suit, looks directly at the viewer.

Lahav Shani

© Co Merz

Zehn Jahre lang hat er in Rotterdam gearbeitet, »und ich habe mich von der ersten Minute an wie zu Hause gefühlt«. Schon während der ersten gemeinsamen Probe, bei Tschaikowskys Sechster Sinfonie »Pathétique«, hat er gemerkt: »Ich möchte hierbleiben.« Ein solches Gefühl habe er mit keinem Orchester zuvor erlebt. »Diese Mischung aus Aufregung und Entspannung: Etwas ist in mir vorgegangen. Die Musikerinnen und Musiker sind von Emotionen getrieben, sie sind spontan und ganz im Moment des Musizierens aufgegangen; sie wagen es, Risiken einzugehen.« Ähnliches wird er nun in München erhoffen. Er kennt das Orchester, seit diesem Sommer ist er Chef. Die ersten gemeinsamen Auftritte finden ein teils euphorisches Echo: »Die Münchner Philharmoniker spielen, wie Mahler es sich wohl erträumt hat«, titelt im April 2026 die »Süddeutsche Zeitung«. Die Anfänge der Zusammenarbeit reichen ins Jahr 2022. Als Einspringer begleitet Lahav Shani das Orchester auf einer Schweiz-Tournee. Und das Ensemble, frisch verliebt, feierte in der Hotel-Lobby eine Party »wie in einem Schulorchester«, wie sich Klarinettistin Alexandra Gruber erinnert. Natürlich ist der Alltag nicht immer Party. Doch allgemein wird gelobt, wie sehr Dirigent und die Philharmoniker auf Augenhöhe arbeiten. Mit den meisten ist er schon per Du. Auch das ein Zeichen, dass die Zeit des Maestro-Gebarens längst vorüber ist.

A male conductor in a black suit with his eyes closed, hands raised expressively, immersed in music.

Lahav Shani

© Marco Borggreve

Stylish man in black suit leaning with skateboard outdoors against a wall.. Adem Erkoç: https://www.pexels.com/@erkocphoto

Text:

Christoph Vratz

Gastautor

A smiling woman with red lipstick plays a violin in a room with other instruments.