A dreamlike composite image blending the Brooklyn Bridge, American flag, Grand Canyon landscape, and musical notes.

Die vielen Stimmen Amerikas

Auch sein erstes Solo ist ihm in Erinnerung geblieben: »Ein Medley«, erinnert er sich und erzählt von der besonderen Akustik, die ihn berührt hat. Von dem eindrucksvollen Blick in den Saal, auch wenn er nicht viele Gesichter erkannt hat.

Das Konzerthaus Dortmund blickt auf 250 Jahre Musikkultur in den USA Freiheitsversprechen, Widersprüchen und neuer Perspektive.

© Roberto Felipe Lagares

Auf der Bühne

Der Themenschwerpunkt USA des Konzerthaus Dortmund ist weit mehr als nur eine saisonale Veranstaltungsreihe mit US-Bezug. Er fragt grundsätzlicher: Was bedeuten die USA in der Musik? Gemeint sind Kontraste wie Freiheitsversprechen und Widerspruch, Kanon und Randzone, Tradition und Gegenwart. Zum 250. Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung richtet das Konzerthaus den Blick deshalb nicht auf ein vereinfachtes Nationalbild, sondern auf die erstaunliche Vielfalt US-amerikanischer Musik zwischen Selbstvergewisserung und kritischer Befragung.

Schon der Auftakt macht klar: Hier geht es nicht nur um die üblichen »amerikanischen Klassiker«. Den Ton geben Stimmen mit ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen an, und neben den großen Namen stehen auch Werke, die im klassischen Konzertbetrieb lange kaum vorkamen. Amerika erscheint so nicht als einheitliche Größe, sondern als Spannungsfeld, in dem verschiedenste Erfahrungen, Identitäten und musikalische Traditionen aufeinandertreffen. Besonders deutlich wird das bei den Gegensätzen von Freiheit und Begrenzung. Das große Versprechen der Gründerväter steht neben den immer enger werdenden Spielräumen vieler Menschen, gerade auch im kulturellen Bereich. Diese doppelte Perspektive verhindert jede oberflächliche Jubiläumsfeier. Musik wird hier zum Medium historischer Reflexion: Sie kann Aufbruch, Euphorie und Hoffnung ebenso hörbar machen wie Ausgrenzung, Konflikt und den Kampf um Repräsentation.

Noch weiter öffnet sich der Horizont mit klassischen US-amerikanischen Liedern oder dem »North American Indigenous Songbook«. Hier geht es nicht um die Neuauflage bekannter Klassiker, sondern um die bewusste Öffnung des Konzertsaals für die indigene Gegenwart. Die Stücke sind nicht als ethnografische Exponate gedacht, sondern als Musik für den Konzertsaal. Dass das Projekt von Timothy Long, einem Angehörigen der Muscogee-, Thlopthlocco- und Choctaw-Stämme, initiiert wurde, unterstreicht diesen Anspruch: indigene Musikkulturen erscheinen nicht als Randphänomen, sondern als selbstbewusste künstlerische Praxis.

A man conducting with a baton and raised hand, overlaid with musical notes and the Grand Canyon landscape.

Timothy Long

© Roberto Felipe Lagares

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Einen weiteren Akzent setzt »Emily – No prisoner be« mit Joyce DiDonato. Der Bezug zu Emily Dickinson öffnet das Feld amerikanischer Literatur und Liedkunst und verbindet es mit einem klar emanzipatorischen Freiheitsbegriff. Der gefeierte 24-teilige Zyklus von Kevin Puts zeigt, wie man amerikanische Musik nicht nur historisch, sondern auch gegenwärtig und genreübergreifend denken kann. Zwischen Lied, Kammermusik und performativer Form entsteht ein Werk, das amerikanische Moderne als offene Suchbewegung versteht.

Blonde woman in black blazer and necklace, overlayed on a city skyline with musical notes.

Joyce DiDonato

© Chris Gonz

Vor diesem Hintergrund bekommt der Auftritt des Cleveland Orchestra mit Franz Welser-Möst besonderes Gewicht. Er ist neben dem Chicago Symphony Orchestra und Klaus Mäkelä der repräsentative Höhepunkt des Themenkomplexes, weil er nicht zuletzt die europäische Seite der amerikanischen Orchestertradition in einer ihrer international stärksten Ausprägungen zeigt. Das Cleveland Orchestra gastiert auf seiner Abschiedstournee mit Welser-Möst, der das Ensemble seit einem Vierteljahrhundert prägt. Schon diese Konstellation hat Symbolkraft:

Ein Weltklasse-Orchester, getragen von langer Kontinuität, traf in Dortmund auf ein Jubiläumsprogramm, das amerikanische Musik nicht auf nationale Identität verkürzt, sondern als offenen kulturellen Prozess versteht. Auch das Programm des Abends war klug gebaut. Liszts »Orpheus« eröffnete den musikalischen Raum, Richard Strauss’ Vier letzte Lieder brachten eine lyrisch verdichtete, existenzielle Dimension ein, und Brahms’ Zweite Sinfonie schloss den Bogen mit Weite, Wärme und klassischer Balance. Golda Schultz sorgte als Sopranistin für ein zusätzliches vokales Profil. Gerade diese Mischung aus europäischer Repertoiretradition und amerikanischer Orchesterkultur machte den Abend so spannend. Er stand nicht isoliert als Gastspiel, sondern als Teil eines größeren Gedankens: Amerika ist immer auch ein Ort der Vermittlung, der Übersetzung und der Umformung.

Conductor in a tuxedo leading an orchestra of string musicians on stage, baton raised in motion.

Franz Welser Möst © Human Artist Photography + Cinema

Franz Welser-Möst ist dabei die zentrale Verbindungsgestalt. Er steht für Kontinuität, klangliche Disziplin und einen Dirigierstil, der Transparenz mit innerer Spannung verbindet. In einem Programm, das ständig nach Herkunft, Authentizität und kultureller Übersetzung fragt, verkörpert er genau jene Orchesterkultur, in der amerikanische Selbstgewissheit und europäische Formtradition aufeinandertreffen. Dass gerade dieses Ensemble im Rahmen des USA-Schwerpunkts auftrat, war deshalb mehr als ein Höhepunkt im Kalender: Es bündelte die ganze Reihe, die auch Vorträge, Jazz und Kammermusik bietet, in einem einzigen Abend.

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Der Schwerpunkt des Konzerthauses feiert also nicht einfach ein Land. Er stellt Fragen an seine Musik: Wer spricht? Wer wird gehört? Welche Traditionen sind kanonisch geworden, und wer musste sich erst einen Platz erkämpfen? In dieser Perspektive ist das Cleveland Orchestra mit Welser-Möst kein isoliertes Glanzstück, sondern der verdichtete Ausdruck eines Programms, das die USA als klingende Idee untersucht.

Stylish man in black suit leaning with skateboard outdoors against a wall.. Adem Erkoç: https://www.pexels.com/@erkocphoto

Text:

Guido Krawinkel

Gastautor

Double exposure of the Brooklyn Bridge layered over a vast canyon, featuring musical notes and light flares.