
Im Gespräch
Der Klang der Hoffnung
DhakaBrakha: Sänger Marko Halanevych im Interview
Traditionelle ukrainische Gesänge, unterschiedliche kulturelle Einflüsse und die Erfahrungen eines Landes im Ausnahmezustand: DakhaBrakha, ein Weltmusik-Quartett aus der Ukraine, verbindet all das zu einem einzigartigen musikalischen Kosmos. Im Interview erzählt Sänger Marko Halanevych, warum ein Vogel zum Symbol des neuen Albums wurde, weshalb Kunst niemals unpolitisch ist und wie Musik Menschen selbst in Krisenzeiten Mut machen kann.
DakhaBrakha – der Bandname verbindet die beiden ukrainischen Wörter für »geben« und »nehmen«. Wie verstehen Sie als Band diesen Gedanken des »Gebens und Nehmens« zum jetzigen Zeitpunkt?
Heute, genau wie zu Beginn unserer Gründung, verbinden wir mit diesen beiden Begriffen das Verständnis von Austausch, den Energiefluss zwischen uns und unseren Zuhörern; zwischen uns und unserem Land, unseren Wurzeln und unseren Vorfahren; zwischen uns und etwas Höherem, Unbegreiflichem.
Ihre Musik bringt ukrainische Gesangstraditionen mit Einflüssen aus verschiedenen Kulturen zusammen. Sie beschreiben sie als »Ethno-Chaos«. Wie finden Sie die Balance innerhalb dieser sehr vielfältigen musikalischen Ausdrucksformen?
Wir arbeiten niemals »aus dem Kopf heraus«. Wir planen nicht im Voraus, wir haben keine festen Formeln. Unsere Arbeit ist in erster Linie ein Experiment; nur empirisch können wir verstehen, was mit was funktioniert und »wie es ankommt«. Natürlich gibt es bestimmte Dinge, die uns leiten, und hier müssen wir Vlad Troitsky würdigen, der ursprünglich die Idee zu DakhaBrakha hatte und uns beigebracht hat, die Musik zu spüren, uns die Kraft gegeben hat, etwas Neues zu wagen und uns nicht von Nebensächlichkeiten ablenken zu lassen. Letztendlich hat er uns einen guten ästhetischen Geschmack vermittelt. Zumindest glauben wir das.
Das neue Album »Ptakh« trägt das ukrainische Wort für »Vogel« im Titel. Welche Bedeutung hatte dieses Bild während des Entstehungsprozesses?
Ein Vogel ist ein sehr kraftvolles Symbol, das bis in biblische Zeiten zurückreicht. Für uns ist er in erster Linie ein Symbol der Hoffnung. Etwas, das in der heutigen, scheinbar völlig »hoffnungslosen« Welt so sehr fehlt. Wir sind uns des Sieges des Guten über das Böse nicht sicher, aber wir wollen aufrichtig daran glauben. Und wir tun alles in unserer Macht Stehende, damit dies geschieht. Die Ukraine ist heute das Schlachtfeld dieser Kräfte. Und je nachdem, wie der Krieg endet, wird sich entscheiden, wohin sich die Welt als Nächstes entwickeln wird.

Die Arbeit der Band DhakaBrakha ist in erster Linie »ein Experimentieren«.
© Andriy Petryna
Wie hat sich Ihre Sicht auf das Verhältnis zwischen Musik/Kunst und Politik während des Krieges verändert?
Uns ist seit 2015, seit Beginn des russisch-ukrainischen Krieges, klar geworden, dass Politik unser Leben bestimmt und beeinflusst. Allerdings ahnten wir schon vorher, dass es unmöglich ist, in einer modernen Gesellschaft zu leben und gleichzeitig unabhängig von ihr, ihren Regeln und ihren Rahmenbedingungen zu sein. Es sei denn, man lebt irgendwo hoch in den Bergen oder auf einer Insel und ist nicht vom Staat abhängig. Aber selbst in diesem Fall könnte irgendwann jemand an die Steintür deiner Höhle klopfen.
»Wenn ich von Künstlern oder zum Beispiel Sportlern höre, dass sie sich aus der Politik heraushalten, sehe ich darin zwei Möglichkeiten: entweder infantilistisches Verhalten oder Heuchelei.«
Was sich seit der groß angelegten Invasion geändert hat, ist der Umfang unserer Spendenaktionen; wir haben begonnen, mehr Geld zu sammeln, damit unser Land dies durchstehen kann, um das Leben unserer Soldaten zu retten.
Sie haben einmal gesagt, dass Sie, wenn Sie auf der Bühne stehen, das Gefühl haben, im Namen eines ganzen Landes zu sprechen...
Vielleicht klingt das zu arrogant. Aber in Wirklichkeit sind wir für viele Menschen auf der Welt die Vertreter der Ukraine und das Gesicht unseres Landes. Wir sind uns dessen bewusst, und deshalb ist es uns wichtig, als Vertreter der ukrainischen Nation einen guten Eindruck zu hinterlassen. Tatsächlich ist diese Verpflichtung für uns keine Einschränkung; im Gegenteil: Diese Verantwortung lässt es nicht zu, dass wir unsere Ansprüche an die Qualität senken.
Viele Ihrer Stücke verbinden Trauer, Hoffnung und Widerstand. Welche Rolle kann Musik Ihrer Meinung nach spielen, um Menschen in schwierigen Zeiten Hoffnung zu geben?
Wir würden uns sehr wünschen, dass die Menschen – egal, ob sie unsere Musik online hören oder bei einem Konzert dabei sind – eine Aufmunterung und einen Zustrom positiver Energie spüren, Vertrauen in die Zukunft gewinnen und erkennen, dass es auf dieser Welt mehr gute als schlechte Menschen gibt. Wir haben wiederholt von unseren Zuhörern gehört, dass unsere Musik therapeutisch wirkt, aber uns ist klar, dass sie eine echte medizinische Behandlung nicht ersetzen kann.
Wie erleben Sie das Publikum bei Ihren Konzerten?
Die Rückmeldungen, die wir hören, geben uns die größte Kraft und Inspiration, weiterzumachen und uns weiterzuentwickeln. Nun, am wertvollsten waren zwei Fälle, in denen Ukrainer nach unseren Konzerten sagten, dass sie sich nun endlich entschlossen hätten, in die Ukraine zurückzukehren. Auch wenn wir niemanden in irgendeiner Weise dazu aufrufen oder dafür werben – wir haben das moralische Recht dazu nicht, da der Krieg andauert und nicht abzusehen ist, wie lange er noch dauern wird.
»Wir freuen uns aufrichtig über die glücklichen Gesichter der Ukrainer bei unseren Konzerten; wir selbst werden dadurch glücklicher.«

Wünscht sich, dass ihre Musik positive Energie verbreitet: die Band Dhaka Brakha
© Olga Zakrevska
Text:
Corinna Ludwig
Pressesprecherin


